4 Rollen – 4 Fragen an Constance Hossfeld-Seedorf

rollkuenstler Interview

4 Rollen – 4 Fragen an Constance Hossfeld-Seedorf

Ihr habt mit eurer Rollkunstlauf-Schule ein interessantes System zur Nachwuchsförderung entwickelt. Wie seid ihr darauf gekommen und habt es geplant?

Unsere Vision 2018:
Dauerhaft 80 bis 100 aktive Rollkunstläufer/innen verteilt auf 4 bis 6 Leistungsklassen unter der Leitung einer hauptberuflichen Trainerkraft und einem Team aus 10 weiteren Trainern / Übungsleitern mit dem Ziel, größtmöglichen sportlichen Erfolg im Einzellaufen zu erzielen und darüberhinaus mit der Disziplin „Show“ den Sportler/innen nach der Laufbahn im Kunstlaufen eine weitere anspruchsvolle Zielsetzung zu bieten!

Die Ausgangslage:

Dank der Überschaubarkeit unserer Stadt und der jahrzehntelangen erfolgreichen Tradition haben wir eine gute Ausgangslage bzgl. der Bekanntheit unserer Sportart. Daraus resultierend verfügen wir inzwischen über sehr gute Trainingsbedingungen die es uns erlauben, bis auf kleine Einschränkungen sehr frei zu planen und zu entscheiden.
Unser Verein bietet darüber hinaus aufgrund seiner Struktur beste Voraussetzungen für Neuerungen jeder Art, denn wir selbst entscheiden über unseren Weg und können hierbei beinahe ohne äußere Zwänge agieren! Diese Gegebenheiten und Möglichkeiten gilt es nun so zu strukturieren, dass wir unserer Vision von Jahr zu Jahr näher kommen.

Wie ist die Rollkunstlaufschule aufgebaut?

Eine grundlegende Umstrukturierung vor 13 Monaten war der Startpunkt! Rollkunstlaufen in seiner Gesamtheit ist besonders für Außenstehende sehr komplex und daher nicht mittels einer Gebrauchsanweisung zu vermitteln. Der Spagat zwischen Wirtschaftlichkeit, sportlichen Erfordernissen und Transparenz ist hier die erste Herausforderung. Hier haben wir uns schlicht an denen orientiert, die damit erfolgreich sind, also Italien und Spanien. Es gibt Komplettbeiträge, die es den Eltern ermöglichen, auch langfristig zu planen. Der Leistungsstand des Kindes gibt vor in welche Klasse es gehört. Jeder Kompromiss an diesem Grundsatz würde das System gefährden.
Jeder Mensch der zu uns kommt kann nach 5 Minuten verstehen wie die Rollkunstlaufschule aufgebaut ist. Es gibt aktuell 70 Sportler/innen verteilt auf 5 Klassen, Klasse 1 bis 4 ist die Struktur in Reinkultur, Klasse 5 resultiert aus Übergangslösungen die die Einführung vor 12 Monaten mit sich gebracht hat. In dieser Klasse sind Sportler, die „aus dem Raster fallen“. Also ältere Sportler, die schon länger im Verein sind, aber nur in der Breitensport-Schiene bleiben werden. Also zum Beispiel eine 15-jährige, die eigentlich mit den 8-jährigen in Gruppe 2 trainieren müsste. Weil das aber nicht passt und wir aber natürlich trotzdem diese Läufer gern behalten (auch für Märchen und Co), haben wir diese Gruppe 5. Wir führen diese Läufer parallel an das Übungsleiter-sein heran, denn gerade in der Riesen Gruppe 1 können wir jede helfende Hand brauchen.
Mittelfristig werden 5 reguläre Klassen angestrebt. In jeder Klasse  stehen je nach Anzahl und Trainingsinhalt immer 2 bis teilweise 4 Trainer / Übungsleiter auf der Fläche.

Klasse 1 „Hopser“:

➢ Beitrag: 29,-€ monatlich
➢ Wöchentlich 2 x 1 Std. Training
➢ Bereitstellung der Rollschuhe für 12 Monate, bzw. max. bis zum Verlassen dieser Klasse
DAS TRAININGSZIEL:
▪ Nach 8 – 12 Monaten SOLL jedes Kind den Dreiersprung beherrschen und eine Zweifußpirouette können. Sauberes Übersetzen in alle Richtungen vor- wie rückwärts, Vierer- und Dreierschritt und alle Grundfiguren (Waage etc.) sind sicher. In der Pflicht werden der Vorwärtsauswärts- und Einwärtsbogen bereits trainiert.

Klasse 2 „Hüpfer“:

➢ Beitrag: 39,-€ monatlich
➢ Wöchentlich 2 x 2 Std. Training
➢ Startgelder für Wettbewerbe / Meisterschaften zahlt der Verein
DAS TRAININGSZIEL:
▪ Nach einem Jahr in dieser Klasse soll jedes Kind Dreiersprung, Salchow, Toeloop und die Einfußpirouette beherrschen. Andere Einzelsprünge / Pirouetten werden trainiert.
In der Pflicht werden alle Grundfiguren beherrscht, ebenso werden Dreier- und Doppeldreierbogen trainiert.

Klasse 3 „Springer“ :

➢ Beitrag: 69,-€ monatlich
➢ Wöchentlich 3 x 2 Std. Training und eine Std. Athletik
➢ Startgelder für Wettbewerbe / Meisterschaften zahlt der Verein
➢ Die Kosten für die Trainer (Reise, Übernachtung, Betreuung) bei Meisterschaften auf nationaler Ebene zahlt der Verein
DAS TRAININGSZIEL:
▪ Hier sollen die Kinder an die Teilnahme bei der NDM herangeführt werden. Bis zum ersten Start bei einer NDM sind die Kinder in dieser Gruppe.

Klasse 4 „Jumper“ :

➢ Beitrag 89,-€ monatlich
➢ Wöchentlich 4 x 2,5 Std. Training und 2x eine Stunde  Athletik
➢ Startgelder für Wettbewerbe / Meisterschaften zahlt der Verein
➢ Die Kosten für die Trainer (Reise, Übernachtung, Betreuung) bei Meisterschaften auf nationaler Ebene zahlt der Verein
DAS TRAININGSZIEL:
▪ Hier ist die Teilnahme an der NDM obligatorisch, DM-Teilnahme und Bundeskaderzugehörigkeit sind das Ziel

WICHTIG ist bei all der Theorie, dass das Trainer-/Übungsleiterteam auf allen Ebenen zusammenarbeitet und sich alle untereinander austauschen und regelmäßig die Gruppen wechseln. JEDER trainiert überall! Nur so wird gewährleistet, dass es in allen technischen Fragen EINIGKEIT gibt und ein roter Faden verfolgt wird. Gleichzeitig können sich auch so ständig die Trainer / Übungsleiter entwickeln, ohne das Gefühl zu haben, permanent das Gleiche machen zu müssen.
Zusätzlich ist für alle Sportler Privattraining zusätzlich möglich und wird auch gut nachgefragt. Denn wer noch MEHR will, wird von uns sicher nicht davon abgehalten! 😉

Das maximale Einstiegsalter ist 7 Jahre. Nur wenn dies konsequent durchgehalten wird, werden sich im Laufe der Jahre alle Altersklassen entsprechend der Leistungsanforderungen entwickeln können. Hier ist zu beachten, dass wir alle gemeinsam mit der Struktur wachsen….Sportler/innen, Eltern, Trainer/innen etc…
NEIN sagen ist wichtig. Ein 10jähriges Kind passt nicht in die Struktur und hätte kaum eine Perspektive.
Nach nur einem Jahr in dieser Struktur haben wir KEINERLEI Austritte zu verzeichnen und, was noch wichtiger ist, aktuell 17 neue Kinder in unserem „Wunschalter“ zwischen 5 und 7 gewonnen. WIE – das beantwortet vielleicht die nächste Frage.

Klasse 1 beim Training auf der Außenbahn des EHC Bremerhaven

Wie erreicht ihr den Nachwuchs bzw. wie macht ihr Werbung für eure Schule?

Neben dieser Trainingsstruktur ist die jährliche Weihnachtsshow ein Grundpfeiler unserer Arbeit. Diese Show bietet eine große Bühne, die uns bei der Nachwuchsrekrutierung hilft und darüber hinaus auch den Kindern und Jugendlichen eine sportliche Heimat bietet, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Kunstlauflaufbahn beendet haben. In diesem Jahr haben 7500 Menschen unsere Show gesehen. Daraus ist ein Schnupperkurs mit 40 Kindern entstanden. 20 von ihnen sind seit Dezember bereits eingetreten und weitere werden folgen.
Für die Öffentlichkeitsarbeit und die Finanzen ist diese Show darüber hinaus von großer Bedeutung, wenngleich die reine Rollkunstlaufschule nach heutigem Stand ihren break even bei ca. 80 Sportler/innen erreicht. Somit bietet die Show finanzielle Spielräume für Investitionen in die Sportler, Sportstätten u.v.m.

Unser mittelfristiges Ziel Ende 2016:

In diesem Jahr werden neben den bekannten Gesichtern aus unserem Club 8 „neue“ Kinder erstmals in der A-Schiene an den Start gehen. Zwei von ihnen wurden gerade in den Perspektivkader aufgenommen. Eine Entwicklung, die wir maßgeblich auch der Umstrukturierung zu verdanken haben.
Nach heutigem Stand ist realistisch, ab Herbst eine Gesamtzahl von 80 Sportler/innen in unseren Reihen zu haben. Ab Anfang 2017 sollte somit eine hauptamtliche Trainerstelle eingeführt werden können!
Ich bin davon überzeugt, dass man aufgrund der enormen Komplexität unseres Sport als „Nebenbei-Trainer“ langfristig nicht die angestrebten Erfolge erzielen kann. Es ist kein Zufall, dass die größten Erfolge des deutschen Rollsports in den vergangenen Jahrzehnten vor allem von den Trainern erarbeitet wurden, die es „sich noch leisten konnten“ Vollzeittrainer zu sein.
Und machen wir uns nichts vor: Die Helden-Trainer aus Italien und anderswo machen das auch hauptberuflich.

Rollkunstlaufschule

Rollkunstlaufnachwuchs des ERC Bremerhaven mit Constance Hossfeld-Seedorf / Foto: ERC Bremerhaven

Wenn du spontan etwas im Rollkunstlaufen verändern könntest, was wäre es und warum?

Ich würde mir wünschen, dass mehr Vereine, die die richtigen Bedingungen haben in ihrer Stadt, den Schritt in ein solches System wagen. Wir haben ja das Rad nicht neu erfunden, sondern nur getan, was anderswo funktioniert. Unser Sport ist damit transparenter für Außenstehende. Und vor allem wird es so möglich einem Trainer auch einen Lohn zu zahlen, den er verdient. Wie viele stehen auf der Bahn für einen Appel und ein Ei und am Ende dankt es einem keiner.
„Was nichts kostet ist nichts wert,“ heißt es und da ist leider was dran in unserer Gesellschaft.
Nach unserer Erfahrung WOLLEN die Menschen für gute Arbeit auch zahlen (wohlgemerkt kommt diese Erfahrung aus einer sozial schwachen Stadt wie Bremerhaven)!!!
Kurzum: ich würde mir wünschen, dass wir unseren Sport teurer und professioneller verkaufen, um am Ende noch mehr professionelle Resultate zu erzielen.

Wenn jemand tiefer gehende Fragen hat zum System beantworten wir sie gern.

Vielen Dank für diesen interessanten Einblick!

Rollkünstler Trennstrich

Über Constance

Constance Hossfeld-Seedorf

Constance in einem internationalen Pflichtwettberb – im Hintergrund im Deutschlandanzug ihre Mutter und Trainerin

Seit ihrem dritten Lebensjahr steht Constance Hossfeld-Seedorf auf Rollschuhen. Sie sagt selbst, es sei eine „Familienkrankheit“, geerbt von ihrer Mutter und Trainerin, die selbst 4-fache Weltmeisterin war. Unter ihren Fittichen konnte Constance auf Europa- und Weltmeisterschaften von Cadetten bis Senioren 16 Medaillen sammeln. Im Sport ist sie neben der Arbeit in ihrem Verein, dem ERC Bremerhaven, bundesweit als Choreografin für Kadersportler und alle, die es wünschen, tätig. In der Disziplin Show ist sie ebenfalls seit vielen Jahren aktiv und durfte durch die Zusammenarbeit mit den Besten der Branche in Italien und Spanien auch in dieser Disziplin viele Erfolge und Erfahrungen sammeln. In ihrem „anderen“ Leben studierte sie ich Amerikanistik, Germanistik und Kulturwissenschaften und ist seit 8 Jahren als Journalistin und Moderatorin beim Öffentlich Rechtlichen Fernsehen tätig.

Alle Fotos zur Verfügung gestellt von Constance-Hossfeld-Seedorf.

Kategorierollkuenstler im Interview

Ich habe mit 11 Jahren erst recht spät mit dem Rollkunstlaufen begonnen, aber seitdem lässt mich der Sport nicht mehr los. Da ich Sportmanagement studiert habe, verbinde ich hier mein Studium mit meiner Lieblingsportart.

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